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Przemysl und Grodek

Die Schrecken des 1. Weltkriegs

Przemysl

In der einstigen galizischen Handelsmetropole wurde zwischen Oktober 1914 und dem Frühjahr 1915 eine der größten Abwehrschlachten des Ersten Weltkrieges geschlagen. Die Festung Przemyśl ist eine einzigartige Sehenswürdigkeit der militärischen Wehrarchitektur. Um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts war sie eine der größten und modernsten Festungen in Europa. Die Österreicher wussten die strategische Lage von Przemyśl zu schätzen und beschlossen, eine mächtige Festung zu bauen. Die ersten Befestigungsarbeiten erfolgten 1854. Von 1878 wurde praktisch bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs am Bau und der Modernisierung der Forts und Feldbefestigungen gearbeitet. Auf den Hügeln rings um Przemyśl legten die Österreicher so eine der größten Festungsanlagen Europas an. Sie hatte die Aufgabe, die aus dem Osten anrückende russische Armee aufzuhalten. Die mit zwei Festungsringen umgebene Stadt erlebte eine zweite Blütezeit. Przemyśl erhielt eine Bahnverbindung mit Krakau, Lemberg und Budapest. Es entstanden neue Repräsentationsbauten, Kasernen und Krankenhäuser, Hotels, imposante Stadthäuser und Villen, Industriebetriebe und Flugplätze. Die Einwohnerzahl der Stadt stieg gewaltig an.

Der Kampf um Przemysl

Befestieigungsring Przemysl

Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, am 26. September 1914, wurde die von über 120.000 Soldaten der österreich-ungarischen Armee verteidigte Festung von doppelt so starken russischen Einheiten völlig umstellt. Trotz Artilleriebeschusses und den verbissenen Erstürmungsversuchen der Infanterie konnten die Russen kein einziges Fort erobern; zehntausende von ihnen wurden getötet, verwundet oder gefangen genommen. Die zweite Belagerung der Festung dauerte vom 8. November 1914 bis zum 22. März 1915. Diesmal umstellten die Russen die Festung und warteten darauf, dass deren Vorräte erschöpft waren. Mangelnde Versorgung und die sinkende Moral der Verteidiger veranlassten die Festungsführung schließlich zur Kapitulation. Vor dem Einmarsch der Russen wurden die Forts, Brücken und Geschützstände gesprengt. Nach dem Verlust des „Tors zu Ungarn“, wie Przemyśl an der Donau genannt wurde, beschlossen die Österreicher, es zurückzuerobern. Nach einer dritten Belagerung nahmen vereinte österreich-ungarische und deutsche Kräfte Anfang Juni 1915 die Ruinen der Forts ein. Przemyśl spielte in den Kämpfen zwischen den europäischen Großmächten eine wichtige Rolle. Historiker zählen die Schlachten um die Festung zu den größten des 20. Jahrhunderts in Europa. Die Ruinen der mächtigen Forts, aber auch die Soldatenfriedhöfe locken viele Touristen und „Festungsfreunde “ aus dem In- und Ausland in die Stadt. Durch Jaroslav Hašeks Roman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ ging Przemyśl gar in die Weltliteratur ein: Im Juli 1915 erlebte Josef Schwejk hier einige seiner Abenteuer. Die Überreste der Festung sind nur schlecht begehbar, zumal das Bauwerk aus einer Vielzahl kleinerer Forts und Leitstände bestand, welche zum Teil überwuchert oder gesperrt sind.
die Belagerung von Przemysl – wikipedia
Przemysl: Altstadt und Befestigunsanlagen – 30 Fotos auf Facebook

von Przemysl über Grodek nach Lemberg

Grodek

Am 7. September 1914 eroberten die Russen in der Schlacht bei Gródek die Stadt. Seine Erlebnisse während der Schlacht verarbeitete der österreichische Dichter Georg Trakl in seinem letzten Gedicht „Grodek“. 2 Tage und 2 Nächte arbeitete er in dem Lazarett, das später in der Presse als eine der „Todesgruben von Galizien“ bezeichnet wurde. Trakl hatte keine Möglichkeit, den Sterbenden zu Hilfe zu kommen, was ihn in Verzweiflung stürzte. Nach dem Zeugnis seiner Vorgesetzten waren eine halbe Stunde vor der Schlacht dreizehn Ruthenen auf Bäumen vor dem Zelt gehängt worden. Trakl erlitt daraufhin einen Nervenzusammenbruch. Im gleichnamigen Gedicht Grodek verarbeitete er wenige Tage vor seinem Tod seine Kriegserfahrung.Trakl wurde vom Versuch, sich zu erschießen, durch Kameraden abgehalten und nach einem Fluchtversuch zur Beobachtung seines Geisteszustandes in ein Krakauer Militärhospital eingewiesen. Am Abend des 3. November 1914 starb er dort nach Einnahme einer Überdosis Kokain an Herzstillstand. Ob es sich dabei um einen Unfall oder um Suizid handelte, ist ungeklärt. Heuteerinnert an dem Gebäude eine Gedenktafel an Georg Trakl.

Gedenktafel Georg Trakl in Grodek

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.
(Georg Trakl: Grodek)

Kulturreise Galizien

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Galizien und Bukowina – Angelos Reisen